Geschichten
In verschiedenen Gruppen haben sich Haupt- und Ehrenamtliche getroffen und überlegt: Wo erfahren Menschen heute und in Zukunft Kirche? Wo werden sie bestärkt und ermutigt durch Begegnungen mit Personen, die sich in der Kirche engagieren? Und wie kann Seelsorge in den neuen Kirchengemeinden aussehen, wenn größere Entfernungen zurückgelegt werden müssen und personelle und finanzielle Ressourcen weniger werden?
Daraus ist eine bunte Mischung aus Geschichten entstanden. Manche Geschichten haben sich so oder so ähnlich in Wirklichkeit ereignet. Andere Geschichten sind Zukunftsgeschichten. Sie möchten anschaulich machen, wie sich Seelsorge in den neuen Kirchengemeinden ereignen könnte. Allen Geschichten ist gemeinsam, dass sie die Vielfalt von Kirche abbilden und Mut machen wollen, Kirche zu gestalten – für die Menschen an den vielen unterschiedlichen Orten in unserer Diözese.
Lena freut sich auf ihre Erstkommunion
Lena ist 9 Jahre alt. Sie wohnt zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Elias auf dem Dorf, 12 km von der nächsten Kleinstadt entfernt, in einer Doppelhaushälfte im Neubaugebiet. In ihrem Dorf kann sie zur Grundschule gehen. Sie ist in der 3. Klasse. Elias besucht bereits die weiterführende Schule in der Stadt.
Lena weiß, dass sie in diesem Schuljahr zur Erstkommunion gehen wird. Sie erinnert sich an das Fest ihres älteren Bruders und freut sich darauf, dass für sie auch ein solches Fest gefeiert werden wird. Sie will auch unbedingt im gleichen Restaurant wie ihr Bruder feiern, weil das Essen dort so lecker war.
Von der Kirche kennt sie vor allem das Krippenspiel an Heilig Abend. Sie spielt dort schon länger mit. Beim aller ersten Mal war sie als Schaf dabei, dann als Engel. Dieses Jahr will sie unbedingt einer der drei Könige sein.
Im Januar erhält Lena einen Brief von der Kirche. Für die Eltern ist ein Infobrief dabei. Ihrer Mutter Susanne fällt auf: Dieses Mal ist es anders als beim Sohn. Die Erstkommunion wird bei ihnen in der Dorfkirche stattfinden, auch die Musikkapelle wird spielen. Aber zur Vorbereitung müssen sie jetzt in die nächste Kleinstadt fahren. Dort treffen sich dann alle aus den umliegenden Dörfern und aus der Stadt zu zentralen Veranstaltungen. Die Seelsorgerin bei Menschen mit Behinderung ist dort auch dabei, so dass auch die Kinder mit Behinderungen teilnehmen können. Die verschiedenen Veranstaltungen werden an unterschiedlichen Terminen angeboten. Dass sie als Familie wählen können, welche Termine für sie gut passen, findet Susanne gut.
Über die neue App „KommUnity“ werden Impulse versendet, mit denen sich die Familie zusätzlich, auf freiwilliger Basis, auf die Erstkommunion vorbereiten kann. Susanne ist neugierig und will sich diese App auf jeden Fall mal herunterladen.
Die Eltern werden außerdem von dem verantwortlichen Hauptamtlichen der Erstkommunion ermutigt, vor Ort Ideen zu entwickeln, um dort die Gemeinschaft zu stärken. Dafür steht auch ein kleines Budget für sie zur Verfügung. Susanne stimmt sich mit ihrer Freundin ab und sie gründen eine WhatsApp-Gruppe. Zum Glück kennt man sich im Dorf. Bald haben sie über WhatsApp mit anderen Eltern zusammen Ideen gesammelt und auch schon Verantwortliche gefunden: Matthias, einer der Väter, bäckt mit den Kindern Brot im Backhaus. Anna, die Mesnerin, macht eine Kirchenführung und Susanne und ihre Freundin bieten ein Palmsteckenbasteln vor Palmsonntag an.
Susanne erzählt ihrer Tochter Lena vom geplanten Programm. Die freut sich total über die besonderen Aktionen vor Ort und auch auf die Veranstaltungen in der Stadt. Und auch Susanne kann sich die Erstkommunionvorbereitung so gut vorstellen. Sie wird sich etwas umstellen müssen, aber sie hofft auf eine schöne Zeit!
Emma findet einen Rettungsring
nach einer wahren Begebenheit, Namen geändert
Emma, 14 Jahre alt, wohnt mit ihren 2 Brüdern (16 und neun Jahre alt) und ihren Eltern in einer kleinen Gemeinde. Sie geht in die 8. Klasse der Gemeinschaftsschule im Nachbarort. Dort hat sie nur wenige Freundinnen, da sie oft auf ihren kleinen Bruder aufpasst, wenn ihre Mutter bei der Arbeit ist. Ihr Vater arbeitet in einem metallverarbeitenden Betrieb, jedoch ist er seit sechs Monaten zuhause. Es geht ihm psychisch nicht gut, die Schichtarbeit hat ihm schwer zugesetzt. Er braucht gerade viel Ruhe.
Emma macht sich keine großen Gedanken über Glauben oder Kirche. In ihrer Familie geht niemand sonntags zum Gottesdienst, außer vielleicht an Weihnachten. Da fehlt ihr aber auch nichts. An der Erstkommunion hat sie nur teilgenommen, weil das auf dem Dorf so üblich ist und weil es viel Geld und Geschenke gab.
Emma ist oft mit ihrem kleinen Bruder zu Hause. Dann langweilen sie sich und verbringen viel Zeit am Handy oder Computer, weil sie den Vater nicht stören wollen. Ihr kleiner Bruder spielt Computerspiele, während sie auf den Social Media Plattformen unterwegs ist. So lernt Emma Max kennen. Er ist viel älter als sie, arbeitet schon. Sie trifft ihn, verliebt sich, wird schwanger. Sie kann es nicht fassen - und mit niemandem darüber sprechen. Sie hat panische Angst davor, ihren Eltern die Wahrheit zu sagen. Die Verzweiflung ist bodenlos. Sie betet zum „lieben Gott“, sie möge nicht schwanger sein. Aber sie weiß, dass es dafür zu spät ist und dass sie Hilfe braucht. Also googelt sie „schwanger“ und den Namen ihres Dorfes dazu. Da öffnet sich die Onlineplattform der Caritas Schwangerschaftsberatung. Sie schreibt unter falschem Namen, erstmal ganz vorsichtig… und sie bekommt schnell eine Antwort. Das ist wie ein Rettungsring für sie.
Ein halbes Jahr später ist Emmas Sohn geboren. Ihre Familie ist einverstanden, dass Emma mit dem Kind bei ihnen wohnt, anstatt in eine Mutter-Kind-Einrichtung zu gehen. Sie hat Anschluss in einer Krabbelgruppe gefunden, die sich in kirchlichen Gemeinderäumen trifft. Sie überlegt jetzt, wie sie den Schulabschluss hinbekommt. Natürlich tuschelt man im Dorf über sie. Aber sie erfährt auch viel Unterstützung.
Leon und seine Fragen nach der Zukunft
Leon ist 16 Jahre und lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester auf dem Land. Es nervt ihn, dass die nächste größere Stadt knapp 20 Kilometer weit weg ist und er für alles, was er gerne mit seinem Freunden in der Stadt erleben will – abends ausgehen ins Kino, in die Kneipe etc. – auf die spärlich fahrenden öffentlichen Verkehrsmittel oder seine Eltern angewiesen ist. Na wenigstens liegt seine Gemeinschaftsschule in der Stadt!
Leon grübelt in letzter Zeit viel. Was soll er nach dem Realschulabschluss machen? Eine Ausbildung beginnen? In der Firma, in der auch sein Vater arbeitet? Sein Vater sagt, er hätte dadurch gute Chancen. Oder doch weiter auf’s Gymi? Aber was kommt danach? In der Schule gibt es ein paar Veranstaltungen zur Berufsorientierung, da werden dann verschiedene Berufe, vor allem im Handwerksbereich, vorgestellt. Es gab auch eine Veranstaltung über alles, was mit weiterführenden Schulen zu tun hat. So richtig bei der Entscheidung geholfen hat ihm das noch nicht. Ist mit den Weichen, die man jetzt stellt, alles entschieden? Was will ich vom Leben? Das sind Fragen, die ihn umtreiben. Im Religionsunterricht hatte seine Klasse kürzlich darüber diskutiert. Der Religionslehrer hatte sich richtig viel Zeit genommen. Es hatte ihn noch nie jemand so offen danach gefragt, was er will und wo er seinen Platz im Leben sieht. Das Unterrichtsgespräch hat ihm gut getan.
Zuhause in seinem Dorf hat Leon ein paar Freunde, die auch mit ihm zur Schule gehen. Außerdem kennt er noch Gleichaltrige aus der Grundschule und aus seiner Zeit bei den Ministranten. Da war er nämlich seit der Erstkommunion einige Jahre dabei, dann wurde es ihm zu viel und er hat nach der Firmung aufgehört. Zum Glück ist die Freundschaft zu seinem Kumpel Martin, der jetzt Oberministrant ist, trotzdem erhalten geblieben.
Manchmal denkt Leon auch über seinen Glauben nach. Wenn es diesen „guten“ Gott, von dem in der Kirche immer geredet wird, wirklich gibt, warum lässt er dann diesen ganzen Mist zu, der in der Welt passiert? In der Ukraine, in Gaza? Und dann die Nachrichten über die Einigung auf einen neuen Wehrdienst. Was kommt da auf ihn zu? Einige seiner Freunde spielen mit dem Gedanken, zur Bundeswehr zu gehen. Sein Vater war auch bei der Bundeswehr. Leon fragt sich, was für ihn passend sein könnte. Keine leichte Entscheidung!
Vor kurzem hat Leon mit seinem Kumpel Martin über dieses Thema gesprochen. Der hat ähnliche Fragen, seit er bei TikTok so viele verschiedene Videos dazu gesehen hat. Er erzählt ihm, dass er selbst eingebunden ist in die Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema Wehrdienst, die in der Stadthalle stattfinden wird. Der katholische Jugendreferent hat Martin gefragt, ob er mitmachen möchte. Die Veranstaltung ist organisiert vom BDKJ, der kirchlichen Friedensbewegung und anderen Verantwortlichen in der Jugendarbeit. Neben einer Podiumsdiskussion wird es auch kleine Workshops zum Austausch der Jugendlichen untereinander geben. Leon möchte dort unbedingt dabei sein.
Andrea und ihr Einsatz für eine lebendige Kirche in der Stadt
Andrea ist 51 Jahre alt, sie hat zwei Kinder. Die Grundschule ihrer Kinder ist eine Brennpunktschule im Stadtteil. Während ihrer Grundschulzeit haben ihre Kinder die AG „Schatztruhe“ besucht. Die Gemeindereferentin der Stadt bietet diese im Rahmen der Ganztagesbetreuung an. Es entstehen dabei tolle Begegnungs- und Kontaktmöglichkeiten zwischen Schule, Familien und Kirche. So haben es Andrea und ihre Kinder erlebt. Andreas Kinder haben die Grundschule schon lange verlassen – sie sind in der Zwischenzeit erwachsen. Aber Andreas Kontakt zur Kirche, der ist geblieben.
Andrea ist in der Zwischenzeit sogar Mitglied im neuen KGR ihrer Stadt. Sie merkt, es wird immer weniger: Die Coronazeit hat tiefe Einschnitte hinterlassen bei den Gottesdienstbesuchern und bei Ehrenamtlichen. Auch den Rückgang an hauptamtlichem Personal ist spürbar. Manchmal bedauert Andrea, dass es nicht mehr so wie früher ist. Aber sie erfährt auch: Wir können reagieren, wir können gestalten. Gerade sind sie dabei, als Kirche in der Stadt verschiedene Schwerpunkte zu setzen: Nicht mehr alle müssen alles machen, sondern kirchliche Orte profilieren sich.
Andrea liegt das Thema „Familien“ immer noch sehr am Herzen. Durch ihre berufliche Arbeit im Sozialraum kennt sie viele Eltern und Kinder und deren Situation. Mit Begeisterung ruft sie gemeinsam mit der Gemeindereferentin und dem Stadtteilkoordinator einen Familienausschuss ins Leben, der versucht, verschiedene Angebote für alle Familien in ihrem Stadtteil anzubieten. Gerade die Idee eines Winterspielplatzes kommt in der kalten Jahreszeit super gut an. Familien unterschiedlicher Nationalitäten kommen im katholischen Gemeindehaus am Wochenende zusammen und knüpfen Kontakte. Der Stadtteilkoordinator kommt auf die Idee, den Second Hand Markt für Kindersachen ebenfalls an den Ort des Winterspielplatzes zu etablieren und den Erlös des Marktes für die Anschaffung neuer Geräte zu verwenden.
Spannend findet sie auch, was Jochen aus der Nachbargemeinde erzählt. Er hat einen Onkel in Hamburg, der für die Kindersegnung seines Sohnes in die Kasualagentur ging, mitten in der Fußgängerzone. Bei den Menschen sein, bei dem, was sie bewegt, in den besonderen Momenten des Lebens und im Alltag, so wünscht sich Andrea ihre Kirche. Sie findet, dass sie auch in ihrer Stadt schon viel erreicht haben. Sie sind einfach mal losgegangen und haben Sachen ausprobiert – und das hat sich gelohnt. Genau so macht Andrea Kirche Spaß, wenn nämlich Menschen Lust haben, etwas mitzugestalten und miteinander etwas bewegen.
Bei all ihren Aufgaben ist Andrea froh, dass sie manchmal auch einfach nur dabei sein und auftanken kann. Die „mal anders“ Gottesdienste in einer Kapelle am anderen Ende der Stadt tun ihr gut. Und die Orgelkonzerte am Freitag um 18 Uhr in der Stadtkirche. Das sind die Momente, in denen sie spürt: Gott geht mit, er ist da. Darauf kann ich vertrauen.
Joachim muss nicht alleine gehen
nach einer wahren Begebenheit
Joachim hatte keine Angehörigen mehr. Als er mit 77 Jahren starb, war niemand da, der die Trauerfeier organisieren oder das Grab hätte pflegen können. Das Sozialamt ordnet in solchen Fällen eine anonyme Bestattung an. Die Urne wird in einem pflegefreien Grabfeld beigesetzt und das war es dann.
Hier kam es anders.
Ungefähr zeitgleich behandelte eine Religionslehrerin mit ihrer 4. Klasse das Thema Tod und Trauer. Und sie fand, dass man das nicht nur im Klassenzimmer behandeln kann. Deshalb organisierte sie zwei Termine für ihre Religionsgruppe mit der lokalen Bestatterin. Zunächst lernten die jungen Besucher und Besucherinnen den Ort kennen, wo diese trauernde Angehörige berät und wo man Särge und Urnen für die Verstorbenen auswählen kann. Eine Woche später erkundeten die Kinder mit ihr und ihrer Lehrerin die Aussegnungshalle und den städtischen Friedhof der Stadt.
Tod und Trauer – ein Thema, mit dem sich viele Erwachsene schwertun. Die Kinder aber waren neugierig und stellten ihre Fragen ganz unbefangen. Ihre Offenheit begeisterte die Bestatterin. Und beim Gedanken an Joachims Tod kam ihr eine Idee. Warum nicht die Viertklässler fragen, ob sie die Bestattung gestalten möchten? Die Lehrerin war von diesem Vorschlag sehr angetan, holte das Einverständnis ihrer Schulleitung und der Eltern ein und sprach mit den Kindern. „Kein Mensch soll allein gehen“, waren sie sich einig. „Das ist eine gute Sache, wir sind dafür.“
Und dann suchten sie passende Bibeltexte aus und übten Lieder. Eine junge Künstlerin gab der gespendeten Urne mit dem Buch des Lebens, in dem Joachims Name steht, eine persönliche Note. Und die Kinder schrieben ihre eigenen Namen mit dazu. Sie malten Grablichter an und gestalteten sie individuell. Immer mehr Menschen beteiligten sich. Der Blumenladen vor Ort stellte einen Korb mit Blütenblättern zur Verfügung, der Pastoralreferent sorgte dafür, dass Joachims Name auf der Glasstele des Gräberfeldes erscheint, und die Eltern der Kinder backten Kuchen für den „Leichenschmaus“, der zu einer Beerdigung dazugehört.
An einem wunderschönen Winternachmittag fand dann die Beerdigung statt. Die Salvatorianer läuteten die Glocke der Wallfahrtskirche auf dem Gottesberg nahe beim Friedhof und die Kinder gaben dem Verstorbenen mit den Blütenblättern ihre Wünsche mit ins Grab.
Joachim hatte keine Angehörigen mehr.
Aber nun gibt es einige junge Menschen, die ihn sicher nicht mehr vergessen. Die gelernt haben, dass Würde im Tod nicht aufhört. Und die vorbereitet sein werden, wenn sie der Tod eines Angehörigen oder Freundes persönlich trifft.
Wolfgang engagiert sich im Kirchortausschuss
Diese Geschichte spielt im Jahr 2030, wenn sich die neue Kirchengemeinde gebildet hat und im Kirchort-Ausschuss Verantwortung für das Leben in den gemeindlichen Kirchorten wahrgenommen wird.
Wolfgang, 63 Jahre alt, hatte sich bei der Kirchengemeinderatswahl 2025 zum ersten Mal als Kandidat aufstellen lassen. Beruflich hatte er zwar damals – wie auch heute noch – viel zu tun. Aber gleichzeitig war es ihm wichtig gewesen, sich irgendwo ehrenamtlich einzubringen. Er hatte etwas für andere tun wollen und bewusst etwas außerhalb seiner beruflichen Arbeit gesucht.
Schnell waren rückblickend die fünf Jahre vorübergegangen. Leicht war es nicht immer gewesen. Aber sie hatten im Gremium auch bemerkt: Wir gestalten Zukunft. Das ist jetzt dran. Der Visionsbaustein „gottvertrauend“ hat Wolfgang in dieser Zeit besonders begleitet.
Dass sich Wolfgang auch nach Ende der Legislaturperiode – über 2030 hinaus – einbringen wollte, war ihm relativ schnell klar gewesen. Doch wo? Im Kirchengemeinderat der neuen Raumschaft? Mit Leitungsbefugnissen und einer großen Verantwortung für Vernetzung, pastorale Grundlinien und Verwaltungsfragen? Oder lieber im Kirchortausschuss an seinem Wohnort, um dort kirchliches Leben zu gestalten? Weil ihm wichtig war, dass die Kirche vor Ort lebendig und sichtbar bleibt, entschied sich Wolfgang für den Kirchortausschuss.
Gemeinsam mit fünf anderen Frauen und Männern hat er seine Arbeit aufgenommen. Sie treffen sich alle sechs bis acht Wochen. Für diese Aufgabe wurden sie vom Kirchengemeinderat bestätigt und nutzen ihr Kirchort-Budget für das, was sie allein gestalten. Besonders am Herzen liegt ihnen das Thema „Gemeinschaft“ und dass sie mit den kirchlichen Gruppen ihres Ortes und mit allen Aktiven regelmäßig in Kontakt sind. Außerdem möchten sie sich für Menschen an ihrem Wohnort engagieren und haben sich deshalb vorgenommen, die Seniorinnen und Senioren gut im Blick zu haben, die nicht mehr so mobil sind. Als dritten Schwerpunkt wollen sie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde weiter ausbauen.
Bei ihnen am Ort gibt es auf kommunaler Ebene einen Veranstaltungskalender für Seniorinnen und Senioren. Sie nehmen Kontakt mit der Zuständigen im Rathaus auf und bieten eine Mitarbeit an. Sie vereinbaren, dass sie als katholische Kirche zunächst einmal eine Veranstaltung organisieren und durchführen: Im Advent laden sie zum Singen von Adventslieder im Gemeinschaftsraum des Senioren- und Pflegeheims ein. Für alle, die möchten, gibt es im Anschluss die Möglichkeit, die Hauskommunion zu empfangen. Das war die Idee ihrer Wort-Gottes-Feier-Leiter:innen.
Bei einem Treffen mit Vertreter:innen der evangelischen Kirchengemeinde denken sie gemeinsam darüber nach, wie sie als Kirche für die Menschen da sein und sich dabei gegenseitig entlasten können. Der Erntedank-Gottesdienst wird in der evangelischen Kirchengemeinde immer zusammen mit Kindern des Waldkindergartens gefeiert. Im Kirchortausschuss entscheiden sie, dass es bei ihnen in der katholischen Gemeinde im kommenden Jahr keinen Erntedank-Gottesdienst geben soll. Sie lassen sich zu diesem Fest in den evangelischen Gottesdienst einladen und jede und jeder unterstützt die Gestaltung des Erntedankaltars mit einer Spende für den Tafelladen. Für diese Entscheidung waren sie auch im Austausch mit ihrer hauptamtlichen Ansprechpartnerin im Pastoralteam.
Die evangelische Kirchengemeinde würde sich gerne stärker bei der Sternsinger-Aktion einbringen. Sie vereinbaren eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, um die Aktion bei möglichst vielen Kindern und Jugendlichen in ihrem Ort zu bewerben.
Wolfgang findet, dass sie im Kirchortausschuss gut gestartet sind. Ideen haben sie noch viele: Einen Fahrdienst zu den Gottesdiensten, die nicht vor Ort stattfinden, für alle, die nicht mobil sind, zum Beispiel? Oder eine Photovoltaik-Anlage mit Unterstützung der Diözese in ihrem Ort? Das können sie jetzt nicht mehr alleine entscheiden. Dazu werden sie auf den Kirchengemeinderat zugehen. Vielleicht machen auch andere Kirchorte mit?
Wolfgang ist gespannt, was noch alles kommen wird. Er selbst macht sich vermehrt auf den Weg zu Veranstaltungen in der Kirchengemeinde, außerhalb seines Wohnorts, und nutzt Angebote, die in Gemeinschaft zwischen den Kirchorten entstanden sind. Er versteht aber auch diejenigen, die sich lieber im eigenen Ort bewegen. Werden sie es schaffen, in Zukunft noch mehr Brücken zwischen Kirchengemeinde und Kirchort zu bauen? Und wie wird alles, wenn die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeitenden weiter sinken wird?
Diese offenen Fragen auszuhalten, fordert nicht nur Wolfgang heraus. Es tut ihm gut, sich mit anderen darüber austauschen und Befürchtungen, aber auch Hoffnung zu teilen. „Kommt Zeit, kommt Rat!“ sagt er sich dann manchmal. Denn sich und die anderen nicht zu überfordern, das ist ihm wichtig!
Claudia und ihre Geschichte vom Glück
nach einer wahren Begebenheit
Claudia ist Seelsorgerin bei Menschen mit Behinderung und als Religionslehrerin an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum in Stuttgart tätig.
Die Idee, Glückspilze zu tonen, entstand in ihrem Religionsunterricht vor drei Jahren. Damals wollten ihre Schüler:innen etwas zum Verkauf beim Schulfest anbieten. Nur was? Gar nicht so einfach für Claudias Religionsgruppe. Diese besteht aus sechs jungen Menschen. Die Schüler:innen sind zwischen 17 und 20 Jahre alt. Claudias Schüler:innen haben alle einen hohen Unterstützungsbedarf. „Wenn wir im Stuhlkreis zusammenkommen, dann sitzen meine Schüler:innen im Rollstuhl, stehen im Stehbrett oder liegen auf der Matte,“ so erzählt Claudia.
Um überhaupt in Beziehung mit ihren Schüler:innen zu kommen, fängt Claudia an, mit ihnen zu tonen. Dafür nimmt sie ein Stück Ton und streicht diesen in der Hand ihrer Schülerin aus. Der Ton nimmt nach und nach die Form des Handtellers der Schülerin an. Die Schülerin spürt den Ton in ihrer Hand – eine kleine Schale entsteht. Durch „Zufall“ entdeckt Claudia beim Umdrehen der Tonschale, dass diese wie ein Pilzkopf aussieht. Claudias Schüler:innen bemalen mit Unterstützung die Pilzköpfe und befestigen noch einen Holzstock daran. Die ersten Glückspilze waren entstanden.
Claudia ist begeistert: Die Glückspilze machen sichtbar: jeder Mensch ist einmalig. Und jeder Mensch hat eine Gabe. Claudia schaut auf das, was möglich ist. Dieser Perspektivenwechsel macht glücklich.
Beim Schulfest waren die Glückspilze im Nu verkauft. Die Nachfragen kamen: Könnt ihr noch mehr Glückspilze machen?
So ist bei Claudia die Idee entstanden: Sie will mit 1.000 Menschen 1.000 Glückspilze tonen. Jeder Glückspilz entsteht in der Hand eines Menschen. Jeder Glückspilz ist einmalig. Ob den Glückspilz ein Mensch mit Behinderung gemacht hat, sieht man dem Glückspilz nicht an. Auch das wollen die 1.000 Glückspilze als Botschaft in die Welt tragen: der Mensch ist wichtig. Allein das ICH BIN zählt. Nicht durch Leistung oder Gesundsein bekomme ich ein Recht zu leben.
Claudias Idee begeistert viele Menschen: Im Katholischen Sonntagsblatt erscheint ein Artikel über die Töpferaktion. Auf der Homepage des Stadtdekanates erzählt Claudia von den Glückspilzen. Und sogar im Radio wird ein Beitrag gesendet. So kommt es, dass Claudia mit ihrer Töpferkiste ins Pflegeheim geht – dort treffen sich Familien und Senior:innen zum gemeinsamen Tonen. Abends wird beim Frauenstammtisch zuerst getont und dann gemeinsam gegessen. Auch im Kinderhospiz, beim Familientreffen, im Kindergarten und in verschiedenen Schulen treffen sich die unterschiedlichsten Menschen zum Tonen. Sie begegnen sich. Beim nächsten Familiengottesdienst wird anstelle einer Predigt ein Stück Ton in der Hand gespürt. Überall entstehen Glückspilze. Claudia bewirbt sich bei der Landesgartenschau in Ellwangen – das wäre ein toller Ort, die 1.000 Glückspilze zu präsentieren. Ein Ort, der ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt.
Es hat geklappt. Claudia freut sich auf die Landesgartenschau. Sie ist im Kontakt mit den Verantwortlichen, die den Auftritt der Kirchen auf der Landesgartenschau koordinieren. So viele Menschen werden die Glückspilze sehen können. Und hoffentlich spüren: Ich bin einmalig – was für ein Glück.
Dorothee und Stefanie gestalten Liturgie
Dorothee ist 43 Jahre alt. Sie lebt allein in ihrer 3-Zimmer-Wohnung in einem ruhigen Vorort von Stuttgart. Als Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule ist ihr Alltag oft dicht gefüllt: Unterricht vorbereiten, Gespräche mit Schüler:innen, Elternabende, Konferenzen. Sie liebt ihren Beruf, liebt es, junge Menschen ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu ermutigen und herauszufordern. Ausgleich und Kraft findet Dorothee in ihrem Glauben. Er ist für sie kein zusätzlicher Programmpunkt, sondern eine innere Quelle, die sie trägt und ordnet. Auch wenn ihre Zeit begrenzt ist, ist es ihr wichtig, in ihrer Kirchengemeinde nicht nur „dabei zu sein“, sondern sich einzubringen, etwas mitzugestalten. Der Sonntagsgottesdienst gehört für sie selbstverständlich zur Woche, fast wie ein fester Ruhepol. Als sie gefragt wird, ob sie sich vorstellen könne, als Lektorin mitzuwirken, sagt sie gerne zu. Worte waren schon immer ihre Stärke, schließlich arbeitet sie täglich damit.
Aus dem einen Dienst wird bald mehr. In der Gemeinde werden Kommunionhelfer:innen gebraucht, und auch hier erklärt sich Dorothee bereit. Schließlich kommt die Anfrage, ob sie sich vorstellen könne, an Sonntagen Wort-Gottes-Feiern zu leiten. Man traue ihr das zu, heißt es, sie könne gut mit Sprache umgehen, ruhig und zugewandt vor Menschen stehen. Es macht ihr große Freude, so ihren Glauben zu leben und zu feiern – und gleichzeitig anderen Gläubigen aus ihrem Ort und der Umgebung die Möglichkeit zu geben, am Sonntag einen Gottesdienst besuchen zu können. Aber die Vorbereitung braucht Zeit und manchmal hat sie das Gefühl, eine Einzelkämpferin zu sein. Es kostet sie oft viele Stunden, Texte und Material für den Gottesdienst zusammenzusuchen und zusammenzufügen. Zwar bekommt sie vom Pfarrbüro Vorlagen zugeschickt, manchmal würde sie sich aber Anregungen und Austausch mit anderen Wort-Gottes-Feier-Leiter:innen wünschen. Über diesen Wunsch will sie sich mit der Pastoralreferentin unterhalten, wenn sie dieser das nächste Mal begegnet.
Beim Stadtfest kommt Dorothee ins Gespräch mit Stefanie, einer Buchhändlerin, 45 Jahre. Neben ihrer Liebe zu guten Büchern und schönen Texten stellt sich als Gemeinsamkeit auch ihr Wunsch nach Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Spiritualität heraus. Auch für Stefanie ist der Glaube ein wichtiger Teil ihres Lebens. Doch der klassische Sonntagsgottesdienst ist für sie schon lange nicht mehr der Ort, an dem sie sich innerlich aufgehoben fühlt. Die Sprache erreicht ihr Herz kaum noch, die Form erscheint ihr zu starr und zu eintönig. Stefanie liebt Bewegung, die Natur, das Unterwegssein. Sie erzählt von Wanderungen, von Momenten der Stille auf einem Weg, vom Atmen im Rhythmus der Schritte. Vor einiger Zeit hat sie an Wanderexerzitien teilgenommen – eine Erfahrung, die sie bis heute prägt. Es war befreiend für sie, bei sich zu sein, mit einem biblischen Impuls ein Stück des Weges zu gehen, Gedanken kommen und gehen zu lassen und dabei auch andere Menschen kennenzulernen. In ihr ist der Wunsch geblieben, Glauben auch in anderen, offeneren Formen zu feiern. Und sie ist überzeugt: Damit ist sie nicht allein.
Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich die Idee, ihrer beider Leidenschaft zu verbinden: ihren Glauben zu feiern, ansprechend und „bewegend“. Gemeinsam bereiten Sie eine Pilgerwanderung vor. Stefanie kümmert sich um die Wegeplanung, sucht passende Strecken, denkt an Rastplätze, an Zeiten des Gehens und des Innehaltens, organisiert Übernachtungsmöglichkeiten. Dorothee übernimmt die spirituelle Gestaltung: Sie bereitet Impulse vor, Andachten auf dem Weg, kleine Segensfeiern, wählt Bibelverse und Lieder aus, die zum Unterwegssein passen. Das Angebot stößt auf überraschend großen Zuspruch. Menschen jeden Alters melden sich an. Regelmäßig machen sie sich gemeinsam auf den Weg. Es entsteht eine besondere Wege- und Glaubensgemeinschaft. Beim Gehen kommen Gespräche zustande, Stille wird geteilt, Vertrauen wächst. Menschen lernen einander kennen und schätzen – jenseits fester Rollen und Erwartungen.
Auch für Dorothee verändert sich etwas. Sie kommt in Kontakt mit Wort-Gottes-Feier-Leiter:innen aus anderen Kirchorten ihrer Kirchengemeinde, tauscht Erfahrungen aus, sammelt neue Ideen. Sie fühlt sich nicht mehr allein, sondern verbunden mit Gleichgesinnten. Die Pilgertage werden für sie – neben aller zusätzlichen Arbeit – zu einer Quelle der Freude und der Ermutigung. Sie spürt: Glaube kann tragen, verbinden und in Bewegung bringen. Und manchmal beginnt etwas Neues genau dort, wo Menschen einander begegnen und ihre Sehnsüchte teilen.
Franz und seine Eltern – eine junge Familie in Kontakt mit Kirche
Lisa und Christian haben sich vor ein paar Jahren ein Reihenmittelhaus in einem 2500-Einwohner-Ort gekauft. Beim Einzug stand Lisa kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes.
Die Elternzeit haben sich die beiden so aufgeteilt, dass keiner länger als ein halbes Jahr beruflich pausierte. Weil sie ihrem Kind nichts vorenthalten möchten, haben sie Franz taufen lassen. Außerdem war den Großeltern wichtig, dass ihr Enkel getauft wird.
Dass sie für die Taufe 25 km fahren mussten, hat sie nicht gestört. Die Anmeldung zur Taufe war weitestgehend digital möglich, die Ansprechperson am Telefon, die auch noch am Abend erreichbar war (laut Internetseite 2x in der Woche bis 20 Uhr) war freundlich. Mit der Taufspenderin konnten sie einen Termin zur Vorbesprechung am Samstagnachmittag vereinbaren. Da hatten auch die beiden angefragten Paten Zeit. Beim Gespräch haben sich Lisa und Christian gut verstanden gefühlt, ebenso auch die Paten, die Franz eher in Lebensfragen begleiten können als bei Glaubensthemen.
Als Franz ein Jahr alt war, wollten beide Eltern wieder stärker beruflich Fuß fassen. Wie gut, dass auf dem Weg zur Arbeit die Kita St. Michael lag. Die Betreuungszeit begann dort bereits um 7 Uhr und war bis 19 Uhr durchgehend möglich. Auch am Freitag. Eine individuelle Anpassung an ihre Bedarfe war möglich.
Franz geht jetzt am Montag gar nicht zur Kita, weil da Christians Mutter den Jungen betreut. Dienstags, mittwochs und freitags, passend zu den Arbeitszeiten von Lisa, ist er von 8 bis 14 Uhr dort. Donnerstag ist der lange Kindergartentag.
Dass es auch am Samstag ein Betreuungsangebot in der Kita gibt, überraschte Christian und Lisa. Die Betreuung an diesem Tag wird über die Nachbarschaftshilfe der Caritas organisiert. Christina und Lisa lernten so Irmgard Trabert kennen, die sich dort ehrenamtlich engagiert und auch noch im gleichen Ort wie sie wohnt. Franz und Irmgard haben sich gleich gut verstanden.
Irmgard Trabert übrigens ist froh, dass sie einmal im Monat als Oma gebraucht wird. Sie arbeitet gerne bei der Nachbarschaftshilfe der Caritas. Dass sie zur Betreuung der Kinder die Infrastruktur des Kindergartens nutzen können, findet sie super und zusammen mit Hilde (die sie hier kennengelernt hat), läuft das mit den Kindern richtig gut. Auf Franz freut sie sich immer besonders. Er ist ein richtiger Sonnenschein.
Max gehört dazu
Max ist 9 Jahre alt und in der vierten Klasse. Seine Familie und er sind erst vor Kurzem hergezogen. Er geht nicht so gerne in seine neue Schule. Es gibt ein paar Gruppen, die immer zusammen sind, und er gehört irgendwie nirgends so richtig dazu.
Dann ging es plötzlich darum, was alle in den Sommerferien machen. Die meisten haben sich in der Schule abgesprochen und mit ihren Freunden verabredet. Ihn hat keiner gefragt.
Seine Eltern haben ihm dann zuhause erzählt, dass sie früher immer im Zeltlager des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) waren. Und von Spielen und Ausflügen und davon, dass sie dort Freunde gefunden haben. Ob das nicht auch was für ihn wäre? Max hat „ok“ gesagt, auch wenn er ganz schön aufgeregt war.
Als Max im Zeltlager angekommen ist, kam gleich Lara, seine Zeltbetreuerin, zu ihm und war echt cool. Sie hat ihm alles erklärt und ihm Emre und Linus vorgestellt, die auch in seinem Zelt waren. Emre hat ihn schüchtern angelächelt und er fand ihn gleich richtig nett. Er war, so glaubt Max, auch ziemlich aufgeregt. Lara hat ihnen einen Mut-Stein gegeben, für die Hosentasche.
Und dann ging’s gleich los. Keine Zeit für Heimweh. Sie haben Schätze gesucht, Piraten gejagt und im See gebadet. Beim Fußballturnier hat seine Mannschaft sogar gewonnen! Aber am allerbesten war das Lagerfeuer. Jeden Abend sind sie draußen gesessen, haben Lieder gesungen oder Geschichten gehört. Am letzten Abend gab’s Stockbrot und alle durften ihren Mut-Stein bemalen. Emre und er haben ihren Stein dann getauscht – sie sind nämlich echt gute Freunde geworden und haben sich versprochen, dass sie sich auch nach dem Zeltlager wieder treffen und nächstes Jahr in den Ferien wieder zusammen herkommen.
Den Mut-Stein von Emre hat Max sich in die Tasche gesteckt, als die Schule wieder losging. Damit er nicht vergisst, dass er im Zeltlager dazugehört und jetzt einen Freund hat – auch wenn er sich in der Klasse manchmal alleine fühlt. Und das hat echt alles verändert!
Mica: Räume öffnen – Zukunft ermöglichen
nach einer wahren Begebenheit, Name geändert
Mica ist ca. 20 Jahre alt und macht im Rahmen seiner dualen schulischen Ausbildung ein Jahrespraktikum bei einem Böblinger Startup zum Thema KI. In diesem Unternehmen arbeiten alle „remote“, also von zuhause aus. Auch Mica macht das so – allerdings sind daheim auch noch seine Eltern und drei jüngere Brüder, die nicht so ganz verstehen, dass man am Rechner sitzt und dort nicht nur zockt, sondern konzentriert arbeiten muss. Das macht es für Mica durchaus schwer, seine Aufgaben pünktlich zu erledigen.
Doch dann ergab sich für ihn durch den neu eingerichteten Coworking Space „AnknüpfBar“ in Böblingen eine unerwartete Lösung. Das Katholische Dekanat hatte im März 2025 seine Räumlichkeiten bewusst geöffnet, um vor allem jungen Erwachsenen, die oft unter der Einsamkeit im Homeoffice leiden, einen Ort zum Andocken und gemeinsamen Arbeiten anzubieten. Darüber hinaus sollte auch erprobt werden, wie man kirchliche Räume möglichst intensiv nutzen und die eigenen Ressourcen mit anderen Menschen im Sozialraum teilen kann.
Micas Chef hatte die „AnknüpfBar“ eher zufällig entdeckt im Rahmen der jährlichen Businesswochen, bei denen er als Referent einer Veranstaltung mitgewirkt hatte. Sofort war er begeistert gewesen von der attraktiven Ausstattung, der freundlichen Atmosphäre und vom ganzheitlichen, sozial ausgerichteten Konzept dieses innovativen kirchlichen Angebots. So kontaktierte er die Verantwortlichen und ließ sich alles ausführlich erklären.
Und dann ging er wenige Tage später auch auf Mica zu und sagte zu ihm: Vielleicht würde dir ein Arbeitsplatz in der „AnknüpfBar“ guttun? Du hättest andere Leute um dich herum, eine schöne Umgebung und weniger Ablenkung als zuhause in eurer Wohnung. Ich würde dich sehr gerne in meinem Team halten – aber dann müssten deine Arbeitsergebnisse besser werden.
Mica musste erst mal schlucken. Und darüber nachdenken. Doch dann war er bereit, es auszuprobieren. Am ersten Tag ging sein Chef mit. Sie besprachen alle offenen Fragen mit den Verantwortlichen vor Ort, die Mica in den nächsten Wochen immer besser kennen lernte. Da war vor allem Antonia, die Community Managerin , die ihm alles zeigte und immer ein freundliches Wort für ihn hatte. Aber auch die anderen Mitarbeitenden waren aufgeschlossen und fragten immer wieder, wie es ihm gehe. Vormittags traf man sich meist spontan an der Kaffeemaschine, und manchmal gab es auch eine gemeinsame Mittagspause mit allen, die Zeit und Lust hatten.
Mica mochte vor allem den Arbeitsplatz am Fenster im schön eingerichteten Coworking Büro. Manchmal gesellten sich in das Zimmer mit drei vollwertig ausgestatteten Arbeitsplätzen auch noch andere Coworker:innen dazu. Mit jedem Arbeitstag wurde er ein klein wenig mehr ein Teil der Gemeinschaft. Er freute sich, als man ihm anbot, dass er über sein Handy nun auch einen eigenen Zugang zu dem Space bekommen könne. Und er revanchierte sich gerne und räumte in der Büroküche die Spülmaschine aus, wenn es nötig war.
Das alles liegt nun schon mehrere Monate zurück. Mica geht nicht mehr regelmäßig in die „AnknüpfBar“. Er hat eine gute Arbeitsweise und seinen festen Platz im Team des Startups gefunden. Dass er sogar einen Arbeitsvertrag angeboten bekam, macht ihn sehr stolz und ermutigt ihn, weiter dran zu bleiben.
Dem Böblinger Coworking Space bleibt er verbunden und immer wieder kommt er mal auf einen Tag zum Arbeiten vorbei. Darüber freuen sich alle und begrüßen ihn herzlich. Ihm gibt das Rückhalt und ein gutes Gefühl, zu wissen, dass er dort immer willkommen ist, wenn er mal wieder einen Tapetenwechsel und Struktur zum Arbeiten braucht.
Sarah und Mira – Mutter und Kind wachsen gemeinsam
nach einer wahren Begebenheit, Namen geändert
„Werde euch vermissen! Hab euch lieb!“ Diese Zeilen, versehen mit einem Herz, erinnern an Sarah und ihre kleine Tochter Mira. Die Pinnwand im Büro von Haus Vincentia ist gespickt mit ähnlichen kleinen Botschaften und Fotos von ehemaligen Bewohnerinnen und ihren Babys oder Kleinkindern. Hinter den Fotos stecken individuelle Geschichten, schöne, aber auch herausfordernde Momente, der Alltag mit seinen Höhen und Tiefen, kleinen und größeren Schritten auf den Wegen der jungen Mütter. Lachen und Sorgen, Ängste und soziale Geborgenheit – die Biografien bilden alle Facetten des Daseins ab. Das Mutter-Kind-Haus bietet einen geschützten Raum, in dem sich die Bewohnerinnen auf ihre Entbindung einstimmen können, um sich im Anschluss gemeinsam mit ihren Babys auf ihr gemeinsames Leben – so das oberste Ziel – vorzubereiten. Das gilt auch für junge Frauen, die bereits Mutter sind und in der Einrichtung lernen können, ihren Alltag so zu gestalten, dass sie Halt finden und einen festen Boden unter den Füßen haben.
Die Erinnerungen an Sarah und ihre Mira, die fast ein Jahr in der Einrichtung gelebt haben, rufen bei den Mitarbeiterinnen besondere Gefühle hervor. Denn die Zeit mit den beiden berührt auf besondere Weise: ihre Entwicklung aus einer schwierigen Lebenssituation heraus hin zu einem Gerüst, das beide in Zukunft tragen kann – wonach es anfangs überhaupt nicht aussah. Da war Sarah sehr verschlossen und verließ ihr Zimmer selten. Die anderen Frauen und die Mitarbeiterinnen bekamen sie kaum zu Gesicht. Sarah lag die meiste Zeit nachdenklich auf ihrem Bett, ein – noch leeres – Babybettchen in Sichtweite. Oft angeschmiegt an ihre mitgebrachten Kissen und Kuscheldecken, über sich Lichterketten. So sorgte sie für eine gemütliche, wohnliche Atmosphäre nach ihren eigenen Vorstellungen.
Im achten Monat schwanger war sie in die Einrichtung gekommen, vermittelt durch das Jugendamt. In ihrer Kindheit hatte sie ein instabiles Umfeld und Bindungserfahrungen, die sie negativ prägten. Seitdem war sie stets auf der Suche nach sich selbst, ohne festen Halt. Konflikte kennzeichneten ihren Werdegang, problematische Beziehungen, Suchtmittel. In diesem Zustand der Orientierungslosigkeit und zudem noch verschuldet war sie schwanger geworden. Ihre innere Zerrissenheit projizierte sie nun auf das Ungeborene. Sie war verzweifelt, hatte das Gefühl der Ausweglosigkeit und frage sich: Ist es richtig, ein Kind auf die Welt zu bringen? In ihrer Situation? Obwohl sie doch eigentlich nie vorhatte, Mutter zu werden? Ein rotierendes Gedankenkarussell.
Trotz dieses Nebels im Kopf und all der zwiespältigen Gefühle packte sie ihre „Kliniktasche“ mit allem Wichtigen für die bevorstehende Entbindung. Die Mitarbeiterinnen des Haus Vincentia besuchten sie in der Klinik, vor allem nach der Geburt. Bereits in der Klinik, nach der Geburt ihres Kindes, zeichnete sich eine Verwandlung von Sarah ab, von der das Team von Haus Vincentia noch heute mit einem zufriedenen Lächeln berichtet: Äußerst sanft trug sie das Baby im Arm, nahm die Signale und Bedürfnisse der kleinen Mira wahr. Liebevoll und behutsam ging sie darauf ein. In kürzester Zeit wurden die junge Mutter und ihr Kind zu einer eingespielten Einheit, in der auch gemeinsame Rituale ihren Platz hatten. Während Sarah ganz in ihrer Rolle als Mutter aufging, öffnete sie sich gleichzeitig der Gemeinschaft im Haus Vincentia. Sie nahm nicht nur mit wachsendem Eifer an den gemeinsamen Unternehmen und Gruppennachmittagen teil, sie wurde gar zur treibenden Kraft. Sie half, das Haus mit Deko zu verschönern und hing Lichterketten im gemeinschaftlichen Wohnzimmer auf. Sarah positive Energie übertrug sich auch auf die anderen Mütter, eine soziale Dynamik entwickelte sich. Freiwillig kochte sie an manchen Abenden für die anderen und trommelte sie zusammen – auf dass diese ihren Türen öffnen, die sie selbst anfangs verschlossen hielt. Gelebte Gemeinschaft, gelebte Zuwendung im Kreislauf des Gebens und Nehmens. Reflektierte, spannende Gespräche mit ihr dauerten oft bis in den späten Abend hinein. Nicht zuletzt der Austausch mit den Mitarbeiterinnen befähigte Sarah mehr und mehr, ins Leben zu treten.
Doch auch Sarahs Kurve zeigte nicht nur steil nach oben, sondern auch Knicke. Mitten im Entwicklungsprozess begann sie wieder, Substanzen zu konsumieren, die im Mutter-Kind Haus strikt verboten sind. Doch auch diese Krise meisterte Sarah zusammen mit dem Team des Hauses. Das in sie gesetzte Vertrauen erwies sich letztendlich als entscheidender Baustein für das Vertrauen in sich selbst. Die Zuwendung, die Sarah ihrer Tochter gab, erfuhr sie auch im Gegenzug. Sie konnte lernen, gut zu sich selbst zu sein, ihre Potenziale und Ressourcen zu erkennen und darauf zurückzugreifen.
Sarahs Werdegang im Haus Vincentia, einer Einrichtung der Stiftung St. Franziskus und somit christlich geprägt, ist ein Beispiel dafür, wie Zuwendung Menschen in Bewegung bringen kann – Getreu dem Wirken von Franz von Assisi, dem Vorbild und dem Patron der Stiftung, der sich den Schwächsten zuwandte und allen Menschen ebenbürtig und gleich begegnete. Hätte es sie damals gegeben, hätte er womöglich, ganz wie Sarah, elektrische Lichterketten aufgehängt. Als Zeichen dafür, noch mehr Licht ins Leben zu bringen.
Ein neuer Anfang für Nura im Familienzentrum MOMOs Welt
nach einer wahren Begebenheit, Namen geändert
Nura hatte in den letzten Jahren viel erlebt. Gemeinsam mit ihren Kindern musste sie ihre Heimat Afghanistan verlassen. Nach mehreren Stationen kam sie schließlich in Ravensburg an. In der Gemeinschaftsunterkunft war es eng und laut. Viele Menschen dort hatten selbst schwere Wege hinter sich und obwohl alle freundlich waren, fühlte Nura eine immer größere Einsamkeit in sich.
Eines Morgens ging sie zu einem Hausarzt, weil sie sich müde, traurig und kraftlos fühlte. Der Arzt hörte geduldig zu, untersuchte sie und sagte schließlich: „Körperlich sind Sie gesund. Aber Ihre Seele ist erschöpft. Sie brauchen Menschen um sich.“ Dann druckte er ein Rezept und empfahl ihr einen besonderen Ort: MOMOs WELT, ein Familienzentrum, in dem Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zusammenfinden. „Gehen Sie dorthin“, sagte er. „Ich glaube, es wird Ihnen guttun.“
Am nächsten Tag machte sich Nura mit dem Rezept in der Hand und einer Bekannten an der Seite, die sie bei sprachlichen Schwierigkeiten unterstütze, auf den Weg in die Ravensburger Weststadt. Als sie das Familienzentrum betraten, kam ihnen der Duft von frisch gebackenem Kuchen und Tee entgegen. Schüchtern blickte sie sich um. Eine Mitarbeiterin des Familienzentrums empfing sie freundlich und setzte sich mit ihr und ihrer Begleitung an einen Tisch. Bei einer Tasse Tee erzählte Nura von ihrem Weg, ihren Schwierigkeiten und ihrer Einsamkeit. „Bei uns ist jeder willkommen!“ sagte die Mitarbeiterin und lud Nura ein, in Zukunft gemeinsam mit ihren Kindern zu kommen.
In den darauffolgenden Tagen ging Nura gemeinsam mit ihren Kindern in MOMOs WELT. Gemeinsam lernten sie das Familienzentrum und die vielfältigen Angebote kennen. Beim Musizieren und Basteln lernten Nuras Kinder andere Kinder kennen und konnten unbeschwerte Momente genießen. Schnell fanden sie sich in der neuen Umgebung zurecht, die anfängliche Schüchternheit verflog und sie hatten endlich wieder einen Ort, um ausgelassen zu Spielen und Kind zu sein.
Auch für Nura selbst gab es im Familienzentrum kleine, aber wichtige Momente: eine kostenlose Tasse Tee, ein Lächeln zur Begrüßung, ein freundliches Gespräch. Sie lernte andere Frauen und die Seelsorgerin der Einrichtung kennen und spürte nach den Gesprächen, wie ihre Einsamkeit weniger wurde.
MOMOs WELT wurde für Nura zu einem Ort des Aufatmens – ein Ort, an dem sie nicht nur Unterstützung fand, sondern auch Gemeinschaft, offene Herzen und an dem sie und ihre Kinder jederzeit willkommen waren. So wurde das Ankommen in Ravensburg für sie und ihre Kinder leichter – Schritt für Schritt und Tee für Tee. Nicht weil jemand ihr all ihre Sorgen abnahm, sondern weil jemand sagte: „Komm, setz dich. Du bist hier richtig.“
Jana – Aktivistin mit Haltung: „Manchmal reicht ein Funke“
Jana ist 14. Sie beschäftigt ziemlich, was in der Welt so abgeht. Sie ist bei Fridays for Future und organisiert Demos an ihrer Schule mit. Was sie gar nicht mag? Wenn jemand ihr sagt: „Das macht man so, weil es immer so war.“ Für sie war die Kirche immer so ein Ort – viele alte Regeln und so. Echt kein Ort für sie!
Aber letztens war ein Kleidertausch-Event in ihrem Stadtteil, das fand sie ja super, also ist sie hingegangen. Der Raum roch nach Kaffee, Stoff und diesem besonderen Duft, wenn Leute etwas bewegen wollen. An einem Tisch saßen ein paar Mädchen und nähten aus alten Jeans Rucksäcke. „Das ist unser Projekt gegen die Wegwerfgesellschaft“, sagte eine mit kurzrasiertem Haar und einem „There is no planet B“-Button auf ihrem T-Shirt.
So hat Jana die Pfadfinderinnen kennengelernt, die das Ganze organisiert haben. Die haben ihr erzählt, dass sie viel zusammen machen und dass sie sich echt einsetzen – bei Klimademos oder bei Themen wie Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Und dass sie echt Spaß daran haben, etwas gemeinsam zu bewegen.
Jedenfalls hat sich Jana gleich super mit den anderen verstanden. Und obwohl die anderen von der Kirche sind, war es für sie voll okay, dass Jana sich da nicht so sicher ist mit diesem Gott. An einen alten Mann im Himmel glaubt sie jedenfalls nicht. Aber daran, dass alle etwas verbindet, das schon. Jana und die anderen haben darüber schon ein paar Mal gesprochen – manche sind ziemlich gläubig, andere gar nicht. Aber so, wie sie davon erzählen, kann Jana echt gut verstehen, warum ihnen das wichtig ist.
Letztens gab es einen Lagerfeuerabend und da ging es auch darum, nicht allein zu sein mit allem, was einen beschäftigt. Weil es viele gibt, die ähnlich fühlen. Und dass Gott wie eine gute Freundin sein kann. Und irgendwie hat Jana das dort echt gespürt.
Sabine – Freiraum im Netzwerk der Erwachsenenbildung
Sabine ist 56. Sie und ihre Familie haben sich immer im Kirchort St. Michael engagiert: Ihre Kinder waren bei den Ministranten, sie war Lektorin, half bei Gemeindefesten und war immer zur Stelle, falls man jemanden brauchte. Die Sternsingeraktion haben sie als Familie mitgetragen – bis Peter, ihr Mann, vor 7 Jahren starb – ganz unerwartet.
Alle waren sehr eifühlsam zu ihr in St. Michael. Die Beerdigung wurde durch jemanden vom Beerdigungsteam der neuen Kirchengemeinde professionell und liebevoll vorbereitet und von vielen besucht.
Seitdem ist schon einige Zeit vergangen und mit dem Alleinsein geht es mal besser und mal schlechter. Was für Sabine zunehmender zur Herausforderung wird, sind die Wochenenden. Wenn Sabine bei Gottesdiensten und Festen allein zwischen Familien sitzt, spürt sie eine Mischung aus Wehmut und Unsicherheit. Und auch abends erlebt sie die Einsamkeit besonders stark.
Wie gut, dass Sabine in dieser Zeit das Netzwerk der Katholischen Erwachsenenbildung (keb) für sich entdeckt. Sie wollte mal nicht diejenige sein, die etwas für andere macht, sondern selbst „Zielgruppe“ sein. Sie wollte einen guten Grund haben, aus dem Haus zu gehen außer zur Arbeit und zum Einkaufen.
Sabine hat erstmal mit Yoga angefangen: In einer kleinen Gruppe achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen hat ihr gut getan und sie gestärkt. Der Kurs war auch ein erster geschützter Raum für sie – ein Ort ohne Erwartungen, ohne Verpflichtungen, ohne die Frage „Kannst du übernehmen?“. Dieser Freiraum war sehr wohltuend. Auch der faire Kochkurs bot neue Möglichkeiten, für sich selbst zu sorgen in diesem Leben, das so ganz anders war als noch vor wenigen Jahren. Sie hatte einen Anlass, aus dem Haus zu gehen, aus ihrem Stadtteil aufzubrechen ins Zentrum, sie hatte etwas Wichtiges vor.
Nach einiger Zeit getraute sie sich, die Trauergruppe des Hospizvereins in der Stadt zu besuchen. Die Entscheidung fiel ihr schwer. Mehrmals stand sie davor, sich anzumelden, und schob es wieder weg. Die Angst, mit fremden Menschen über so persönliche Dinge zu sprechen, war groß. Erst ein Telefongespräch mit einer Mitarbeiterin der keb, welche die Trauergruppenbegleiterin persönlich kannte, gab ihr Mut. Der Kurs war bei der keb ausgeschrieben. Sabine wusste bis dahin gar nicht, wie vielfältig das Programm der keb war und wie viele Kooperationspartner:innen mit der keb gemeinsam wirken.
So stößt sie immer wieder auf neue Themen und Projekte. Die mit mehreren Kooperationspartner:innen entstandene Reihe zum Glaubensbekenntnis hat ihr gut gefallen. Sie war bei der „Langen Nacht der Demokratie“. Auch das Engagement für finanzielle und digitale Grundbildung und Nachhaltigkeit findet sie total wichtig.
Die Menschen in ihrem Kirchort mag sie immer noch gern und freut sich, dass sie auch dort noch einen guten Ort hat. Auch wenn sie Gottesdienste dort eher unregelmäßig besucht, fühlt sie sich in der offenen Atmosphäre ihrer Gemeinde am Kirchort zu Hause. Spirituell sucht sie zugleich nach neuen Ausdrucksformen.
Mittlerweile engagiert sie sich in der Citykirche. Sie ist da für die Ausstellungen zuständig. Die Citykirche hat sie ebenfalls über das Netzwerk der keb ganz neu kennengelernt und genießt den Freiraum, den sie dort erlebt. Sabine ist vielfältig in der Stadt vernetzt.
Langfristig wünscht sich Sabine, noch stärker in Projekte eingebunden zu sein, bei denen Kunst, Spiritualität und Begegnung zusammenkommen. Sie möchte gerne etwas von dem zurückgeben, was ihr gut getan hat.
Im Freiraum, den sie gefunden hat, wächst Sabines Vertrauen in das Netzwerk, das sie trägt – und dem sie mit neuer Stärke und Offenheit selbst Gestalt gibt.
Josef – der Vereins -und Ortsgemeinschaft verbunden
Josef, 42 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, wohnt in einem ländlichen Teilort einer oberschwäbischen Kleinstadt (650 Einwohner). Er arbeitet als Ingenieur für eine Automobil-Firma in Heilbronn, die 200 km von seinem Wohnort entfernt ist. Er ist drei Tage in der Woche im Homeoffice. An zwei Tagen pendelt er. Obwohl er kein Pessimist ist, hat Josef zur Zeit einen sorgenvollen Blick in die Zukunft. Er hat durch die Krise in der Automobilbranche Druck am Arbeitsplatz, die politischen Entwicklungen findet er angstmachend und er erlebt sich manchmal auch ohnmächtig.
Er ist bürgerlich orientiert, kein Freund von Extremen. Kirchlich wurde Josef klassisch katholisch sozialisiert. Auch dass seine Kinder getauft sind, ist für ihn noch selbstverständlich. Eine kirchliche Praxis wie einen Kirchgang aus eigenem Antrieb gibt es bei ihm aber schon lange nicht mehr. Wenn er sehr selten einmal in die Kirche geht, dann erfährt er die Liturgie zwar als feierlich, jedoch als zu formelhaft. Zur Kirche als Institution hat er einen eher kritisch-reflektierten Blick.
Sich in der dörflichen Nachbarschaft zu engagieren, ist ihm wichtig. Dem Musikverein ist es besonders verbunden, dort bringt er sich mit Herzblut ein und übernimmt Verantwortung.
In persönlichen Krisen hat er Kirche als hilfreich erfahren: Damals mit der Notfallseelsorge, als seine Mutter ums Leben kam, in der Begegnung mit Klinikseelsorgenden, als eines seiner beiden Kinder schwer erkrankt war, oder auch bei der sensibel und empathisch gehaltenen Beerdigung seiner Mutter durch den Diakon vor Ort. Deshalb ist er auch noch Mitglied in der Kirche.
Er freut sich darüber hinaus auf seinen Einsatz auf dem Weingartner Blutritt, der jährlich am Freitag nach Christi Himmelfahrt stattfindet und bei dem die Heilig-Blut-Reliquie durch die Straßen getragen wird. Er schätzt die Form, er mag das gemeinschaftliche Drumherum. Und auch die geistliche Dimension der Wallfahrt spricht ihn an. Sie hat doch einen etwas anderen Charakter als ein Umzug beim Musikfest. Beim Blutritt erlebt er, dass Glaube etwas mit Lebensfreude zu tun hat und Zuversicht vermittelt, die er selber braucht.
Seine Frau ist im kirchlichen Besuchsdienst in ihrem Heimatort aktiv und ermuntert ihn immer wieder, sich mit seinen Begabungen einzubringen. Sie sagt: „Vor Ort sind wir Kirche. Hier können wir gestalten.“ Das kann er voll nachvollziehen. So ist das auf dem Dorf schon immer gewesen. Er bringt sich also mit der Musikkapelle ein. Das ist sein Beitrag.
Manchmal geht er mit seiner Frau auch zu besonderen Gottesdiensten in der Region mit. Seine Frau hat ihn mit ihren Erzählungen davon neugierig gemacht. Er mag die „Segenskirche“, und auch den Picknickgottesdienst mit Ausblick in die schöne Allgäuer Natur. Das fand er cool. Für solche Ereignisse ist er durchaus offen. Dafür mal einige Kilometer zurückzulegen, darüber denkt man auf dem Land gar nicht einmal nach.
Kim – Der Treff ist einfach sein Spot
Kim ist 16. Und wenn er nicht auf dem Bolzplatz ist oder in der Schule sitzt, ist er hier – im offenen Jugendtreff, der im Gemeindehaus der Kirche angeboten wird, zwischen den abgewetzten Sofas, dem Kicker und der Musikbox, auf der sie ihren Sound spielen können.
Zu Hause ist es eng. Sie wohnen zu viert in einer Dreizimmerwohnung in der Hochhaussiedlung am Stadtrand. Seine kleinen Geschwister machen ständig Lärm, seine Mum ist mit ihnen total beschäftigt. Er muss da oft einfach raus. Beim Kicken kann er alles rauslassen. Der Trainer hat ihm letztes Mal gesagt, dass er echt gut ist und dass er ihn fürs nächste Spiel aufstellt. In der Schule ist das nicht so. Er checkt manchmal gar nichts mehr und wenn er mal wieder die Hausaufgaben nicht gemacht hat, gibt’s Stress. Aber er kann sich daheim bei dem Lärm oft einfach nicht konzentrieren.
Vor einiger Zeit hat ihn ein Kumpel mit in den Jugendtreff genommen. Hier ist es einfach chillig. Keiner meckert rum, hier kann er Musik hören, einfach mit seinen Freunden rumhängen. Es gibt auch einen Raum, in dem er in Ruhe etwas für die Schule machen kann. Die anderen und er können auch mitbestimmen, was es zu essen gibt oder welche Musik bei der Party abends läuft. Hier fragt ihn endlich mal jemand, was er eigentlich gut findet.
Marius, der Sozialarbeiter hier, ist total korrekt. Er hat mit ihm schon öfter darüber geredet, wie es bei ihm weitergeht. Kim will etwas aus seinem Leben machen und einfach er selbst sein. Hier im Jugendtreff hat er das Gefühl, dass er das schon hinbekommt, weil ihm etwas zugetraut wird. Und das ist richtig cool.
Harald erlebt Gemeinschaft als Biker
Harald, 51 Jahre alt, ist geschieden und hat jedes zweite Wochenende seinen 12-jährigen Sohn bei sich. Er wohnt zur Miete in einem 6-Parteien-Wohnhaus auf dem Land, etwas anderes kann er sich nach der Scheidung nicht mehr leisten; zur Arbeit pendelt er in die nächste größere Stadt.
Harald war als Kind / Jugendlicher mal Ministrant, hat aber im Laufe der Zeit den Bezug zur Kirche verloren. Er vermisst diesbezüglich auch nichts, außer an Weihnachten, da geht er weiter in den Gottesdienst seiner Heimatgemeinde, weil der Weihnachtsgottesdienst eine schöne Atmosphäre bietet und weil er das Weihnachtsfest so von seiner Kindheit kennt und mag. Seine Trauung hat er auch kirchlich gefeiert, aber die Ehe ist ja nun vorbei. Ob er als Geschiedener noch willkommen ist, weiß er nicht so genau. Und ob er selbst überhaupt noch dazu gehören will, angesichts der Skandale in der Kirche, weiß er erst recht nicht.
Harald fährt gerne Motorrad – um Freiheit im Alltag zu erleben – und ist Mitglied des Motorradclubs in einer der benachbarten Gemeinden, wo er gut Anschluss gefunden hat. Besonders wichtig ist ihm die Saisoneröffnung des Motorradclubs, weil das ein tolles Gemeinschaftserlebnis ist und er mit Seinesgleichen zusammen sein kann. Zu Beginn der Veranstaltung findet immer ein Gottesdienst statt, bei dem Motorräder gesegnet werden. Man weiß ja nie und schaden kann es auch nicht, schließlich kann beim Motorradfahren immer was passieren. In seinem Leben ist schon manches schiefgegangen, da braucht er nicht noch einen Schicksalsschlag. Vor drei Jahren hat er einen guten Kumpel verloren. Das hat ihn tief getroffen. Wichtig ist ihm, verlässlich für seinen Sohn da zu sein.
Sein Lebensgefühl und die Fragen, die ihn beschäftigen, findet er in diesem Gottesdienst wieder. Toll ist die Gemeinschaft mit den anderen Motorrad-Kumpels. Außerdem wird seine Sprache gesprochen und der Gottesdienst geht auch nicht so lange. Das alles zusammen tut ihm gut.
Bei der Hockete erzählt er der Person – er weiß nicht, ob es ein Pfarrer ist, aber er hat den Gottesdienst schön gestaltet – dass er als Kind auch mal Ministrant war und dass er positive Erinnerungen damit verbindet. Deswegen ist er auch noch nicht aus der Kirche ausgetreten. Und er weiß auch, dass sich die Kirche im sozialen Bereich engagiert, das findet er gut. Er hätte sich auch gewünscht, dass sein Sohn als Ministrant tolle Erlebnisse hat. Aber der wollte kein Ministrant werden. Und ob er sich mal firmen lässt – das muss er auch selbst entscheiden.
Wenn Harald so nachdenkt, dann möchte er mal kirchlich beerdigt werden. Diese Form ist für ihn tröstlicher als eine Bestattung ohne Gott.









